Offener Brief

an die Friedrich-Schiller-Universität Jena, das Studierendenwerk Thüringen, das Landesprüfungsamt für Lehrämter / Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport und das Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und digitale Gesellschaft


Sowohl wir als (Lehramts-) Studierende als auch die Dozierenden befinden uns nun seit einigen Wochen im „regulären“ Onlinesemester. Wir alle sehen uns vor Herausforderungen gestellt, die diese Situation mit sich bringt. Im Hinblick auf das kommende Wintersemester, welches wahrscheinlich erneut online stattfinden wird, klagen wir in diesem offenen Brief Sorgen und Nöte zahlreicher Lehramtsstudierender der Friedrich-Schiller-Universität Jena an und fordern Veränderungen in folgenden großen Problembereichen: Solidarsemester, Lern- und Arbeitsumfang, Abgabefristen, wissenschaftliche bzw. künstlerisch-praktische Hausarbeit im ersten Staatsexamen.

Solidarsemester

Der Druck auf Studierende in diesem Semester ist immens. Vor allem Zweithörer*innen sowie Studierende mit Kind(ern), finanziellen Problemen oder zu pflegenden Angehörigen leiden physisch und / oder psychisch unter zuvor nicht dagewesenen Mehrfachbelastungen. Wir fordern deshalb, dass dieses sowie alle kommenden Semester bis zum Ende der Corona-Krise als Ausnahme- und Solidarsemester anerkannt werden, sodass Studierende ihr Studium möglichst gut fortführen oder auch ohne Nachteile pausieren können. Wir schließen uns diesbezüglich der Solidarsemester-Forderung vollumfänglich an.

Lern- und Arbeitsumfang

Die Leitung der Universität Jena weist auf ihrer Website darauf hin, dass Dozierende die verkürzte Semesterzeit beachten sollen und dementsprechend den Vorlesungsstoff anpassen können. Diese Kann-Regelung sorgt für zahlreiche Probleme, da sie von den Dozierenden unterschiedlich umgesetzt wird. In vielen Fachbereichen wird dieser, für das Onlinesemester eigentlich essentielle Hinweis, schlicht ignoriert. Dies bedeutet beispielsweise deutlich umfangreichere Online-Vorlesungen, weniger Zeit für ungekürzte Leselisten und im Allgemeinen ein gestiegenes Arbeitspensum sowie erhöhte Selbststudium-Anteile, welche neben den wöchentlichen Lehrveranstaltungen geleistet werden müssen. Viele Studierende möchten oder müssen aber auch in diesem Semester – das von der Universität Jena zu einem „normalen“ Semester erklärt wurde – 30 Leistungspunkte erbringen und geraten dabei an ihre Grenzen. Wir fordern deshalb, dass diese Kann-Regelung zu einer Soll-Regelung geändert wird. Entsprechende Regelungen sollten ebenfalls durch das Landesprüfungsamt für Lehrämter (TMBJS) bei den Vorbereitungsmodulen Anwendung finden.
Doch nicht nur die Inhalte einzelner Lehrveranstaltungen weichen von analogen Semestern ab. Auch die Formate der einzelnen Lehrveranstaltungen sind in diesem Semester in Bezug auf Austausch, Aufgabenkultur und dem Anteil an Selbststudium insgesamt zu heterogen, um sich daran gewöhnen zu können. Einige Dozierende bemühen sich sehr, um dennoch einen Austausch und eine gute Feedbackkultur zu ermöglichen. Andere wiederum lassen Studierende im kompletten Selbststudium ohne Austauschmöglichkeiten und ohne Rücksichtnahme auf die eingeschränkte ThULB-Nutzung Themen bearbeiten. Darunter leidet die Motivation, aber vor allem stellt es auch eine Herausforderung für Studierende in ihrem ersten Studienjahr dar, die bisher eine lediglich eingeschränkte Studienerfahrung haben. Des Weiteren überfordern die enorm gestiegenen Anforderungen zur Selbstorganisation viele Studierende. Wir fordern deshalb eine Anpassung der Inhalte und Formate der Lehrveranstaltungen – insbesondere auch die Ausgestaltung von Praktika – an die Vorlesungszeit.

Abgabefristen

Sowohl vom Landesprüfungsamt für Lehrämter (TMBJS) als auch von verschiedenen Akteur*innen der Universität (wie bspw. den Prüfungsämtern) wurden immer wieder Fristen und Termine für An- und Abmeldungen sowie Prüfungsleistungen wie Klausuren, Hausarbeiten etc. verschoben und verlängert. Dies hat uns in Hinblick auf Herausforderungen wie Bibliotheksschließungen und individuelle Notsituationen nötige Zeit und Luft verschafft. Dabei jedoch gleichzeitig den Überblick zu behalten, stellt eine zusätzliche Herausforderung dar. Auch die Dozierenden wussten häufig nicht, dass oder inwiefern Abgabefristen verlängert wurden, was auf beiden Seiten zu Irritationen und Spannungen führte.
Wir fordern die verschiedenen Akteur*innen der Universität und das Landesprüfungsamt für Lehrämter (TMBJS) auf, Fristen und Prüfungstermine möglichst zeitnah bekannt zu geben, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und Studierenden wie Dozierenden faire und transparente Vor- und Nachbereitungsmöglichkeiten für Prüfungen zu gewährleisten. Dazu gehören ebenfalls das Offenlegen von Korrekturfristen verschobener Prüfungen sowie zeitnahe Rückmeldungen auf Anfragen von Studierenden.

Wissenschaftliche bzw. künstlerisch-praktische Hausarbeit im ersten Staatsexamen

Die wissenschaftliche bzw. künstlerisch-praktische Hausarbeit im zweiten Prüfungsabschnitt im Rahmen des 1. Staatsexamens (die sogenannte „Examensarbeit“) muss eine weitere pauschale Verlängerung erhalten, da eine enorme Ungleichheit zwischen den Verlängerungen regulärer Hausarbeiten und wissenschaftlicher bzw. künstlerisch-praktischer Hausarbeiten besteht. Sollte die pauschale Verlängerung die Zeit des Sommersemesters überschreiten, muss sichergestellt werden, dass Studierende zum Abschluss ihres Studiums bis zur Beendigung ihres Prüfungsverfahrens über den 30.09.2020 hinaus immatrikuliert bleiben können, ohne Nachteile im Bewerbungsprozess für den Vorbereitungsdienst zu erfahren und ohne den Semesterbeitrag für das kommende Wintersemester 2020/2021 aufgrund der verlängerten Prüfungszeiträume zusätzlich entrichten zu müssen. Wir fordern das TMWWDG, das Landesprüfungsamt für Lehrämter (TMBJS) sowie die Universität Jena in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen dazu auf, entsprechende Regelungen zu treffen.

So, wie das Semester bisher läuft, kann es nicht weitergehen – erst recht dann nicht, wenn sich dieser Zustand noch auf weitere Semester erstrecken sollte. Wir als Vertretung der Lehramtsstudierenden der Friedrich-Schiller-Universität Jena fordern die Universität Jena, das Studierendenwerk Thüringen, das Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport und das Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und digitale Gesellschaft auf: Ermöglichen sie uns Lehramtsstudierenden mithilfe eines oder auch mehrerer Solidarsemester, unser Studium erfolgreich zu beenden, den Vorbereitungsdienst zu beginnen und in den Schuldienst einzutreten – ohne unter den Belastungen dieses und eventuell folgender „regulärer“ Semester wie finanziellen Einbußen, physischen und psychischen Belastungen, zeitlichen Verzögerungen und daraus folgenden Studienabbrüchen leiden zu müssen.


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